NaturEnergy-Gründer Thomas Banning im Interview

„Mir geht es um

Teilhabe

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Die Energiewende rollt, aber rollt sie auch schnell genug? naturstrom errichtet und betreibt seit vielen Jahren Ökostromanlagen. Diese Aktivitäten werden 2020 mit der Gründung der Tochtergesellschaft NaturEnergy auf ein neues Level gehoben. Geschäftsführer Dr. Thomas E. Banning erklärt die Hintergründe.

Herr Banning, seit 2004 baut und betreibt naturstrom Solar- und Windenergieanlagen, häufig gemeinsam mit lokalen Akteuren. Als langjähriger Vorstandsvorsitzender bei naturstrom haben sie den Ausbau dieser Aktivitäten selbst vorangetrieben. Welche Überlegungen haben dazu geführt, die NaturEnergy zu gründen?

Thomas Banning:
Bei der Senkung der klimarelevanten Emissionen rinnt uns die Zeit durch die Finger, der Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland läuft seit vielen Jahren viel zu langsam. Um das Ziel der Bundesregierung von 80 Prozent Erneuerbaren im Stromsektor bis 2030 zu erreichen, ist eine Vervielfachung des jährlichen Zubaus nötig. Das ist eine Herkulesaufgabe, für die wir in Deutschland alle Kräfte mobilisieren müssen. Und da will und muss natürlich auch die naturstrom-Gruppe ihren Beitrag leisten.

Warum hat naturstrom dafür die NaturEnergy gegründet, anstatt wie bisher selbst Ökostromanlagen zu errichten und zu betreiben?

Thomas Banning:
Das Level an neuen Anlagen, das wir uns selbst pro Jahr als Ziel gesetzt haben, kann naturstrom nicht aus eigener Kraft stemmen, also nicht aus der Innenfinanzierung heraus oder durch die Aufnahme von Krediten. Der Wettbewerb in diesem Markt ist inzwischen immens hoch und es sind sehr große Mitspieler dort unterwegs. Deswegen wollen wir uns mit Gleichgesinnten zusammentun. Und genau das ermöglicht die NaturEnergy: Sie bietet die Möglichkeit zu Kooperationen und sie bietet eine Plattform, um die notwendigen finanziellen Mittel zusammenzubekommen.

„Die Energiewende ist eine Herkulesaufgabe. Und da will und muss natürlich auch die naturstrom-Gruppe ihren Beitrag leisten.“

Was bedeutet das genau?

Thomas Banning:
Die NaturEnergy tritt in die Fußstapfen der naturstrom AG, indem sie immer wieder Bürger:innen ermöglicht, sich an neuen Solar- oder Windparks in ihrer Nachbarschaft zu beteiligen. Daneben sollen auch andere Investoren gewonnen werden sowie solche Bürger:innen, die nicht im Umfeld eines Wind- oder Solarparks wohnen. Sowohl für private wie institutionelle Anleger ist es hoch interessant, sich an einem Portfolio von Anlagen mit unterschiedlicher Technik und an unterschiedlichen Standorten zu beteiligen, das verbessert die Chancen und minimiert die Risiken. Als eine Kommanditgesellschaft auf Aktien bietet die NaturEnergy genau das an.

Sind denn heute schon viele an der NaturEnergy beteiligt?

Thomas Banning:
Derzeit ist die naturstrom AG noch mit 75,6 Prozent die mit Abstand größte Anteilseignerin, 24,4 Prozent sind aber bereits in den Händen von rund 1.700 weiteren Aktionär:innen. Das sind die naturstrom-Aktionär:innen, denen die naturstrom AG im Rahmen einer Sachdividende die Kommanditaktien im letzten Sommer übertragen hat. Aktuell führen wir eine Kapitalerhöhung durch, die sich an größere Anleger richtet. In einigen Wochen wollen wir über eine Crowdfunding-Plattform ein Nachrangdarlehen für Kleinanleger:innen anbieten. Außerdem sollen sich Kleinanleger:innen im weiteren Jahresverlauf auch über neue Aktien an der NaturEnergy beteiligen können, hierfür braucht es aber noch einen entsprechenden Beschluss der Hauptversammlung. Mit dem Geld wollen wir in Wind- und Solarparks investieren. Unser Ziel ist es, in den kommenden Jahren jährlich Windenergie- und Solaranlagen mit einer Leistung von zusammen rund 70 bis 90 Megawatt an ans Netz zu bringen.

„Unser Ziel ist es, in den kommenden Jahren jährlich Windenergie- und Solaranlagen mit einer Leistung von zusammen rund 70 bis 90 Megawatt ans Netz zu bringen.“

Wo sehen Sie denn die Nische, in der sich die NaturEnergy positionieren kann?

Thomas Banning:
Nische ist für mich nicht der passende Begriff. Klar, wir sind nicht für jeden Anleger interessant, denn wir setzen konsequent auf Nachhaltigkeit – das führt kurzfristig nicht zu maximalen Gewinnen, sondern ist erst langfristig von Vorteil. Wir wollen mit der NaturEnergy aber ein erhebliches Ausbauprogramm realisieren und bis 2030 mehr Strom produzieren, als die naturstrom AG an ihre Kund:innen verkauft. Wir reden also über eine jährliche Erzeugung von mehr als einer Milliarde Kilowattstunden Produktion. Wir gehen also ganz klar in einen Wettbewerb auch zu den ganz Großen der Energieerzeugung. Was bedeutet, dass wir ganz viele Mitwirkende benötigen.
Genau da haben wir gegenüber den ganz Großen natürlich unser Alleinstellungsmerkmal: Wir sind näher dran an den Menschen, den engagierten Bürger:innen und mittelständischen Unternehmen, wir gehen auf die Bedürfnisse vor Ort ein und wir sind den Kommunen, in denen wir unsere Anlagen bauen, ein Partner auf Augenhöhe. Das ist unser Pfund, mit dem wir auch künftig wuchern können.

„Wir gehen also ganz klar in einen Wettbewerb auch zu den ganz Großen der Energieerzeugung. Was bedeutet, dass wir ganz viele Mitwirkende benötigen. Genau da haben wir gegenüber den ganz Großen natürlich unser Alleinstellungsmerkmal: Wir sind näher dran an den Menschen, den engagierten Bürger:innen und mittelständischen Unternehmen.“

Nicht zu vergessen die Beteiligung von Bürger:innen an den Anlagen, oder?

Thomas Banning:
Ja, das ist klar. Wir haben bei naturstrom eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit den Akteuren vor Ort – und diese Tradition setzen wir natürlich auch mit der NaturEnergy fort. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Beteiligung an fertigen Anlagen im Nachhinein, sondern auch um die gemeinsame Entwicklung von Projekten und die frühzeitige und langfristig angelegte Einbindung der Menschen vor Ort. Uns können Sie auch noch nach der Investition erreichen, das unterscheidet uns von den vielen anonymen Großinvestoren.

Ich denke in diesem Zusammenhang auch, aber nicht nur an die klassischen Bürgerenergiegesellschaften. Ich denke in einem breiteren Sinne an die Zivilgesellschaft, die wir mitnehmen müssen: an Vereine, Verbände, Gemeinden, mittelständische Unternehmen. Allgemein gesagt: alle Akteure, die die Zukunft vor Ort gestalten möchten, die sich das nicht von Konzernen oder dem Staat aus der Hand nehmen lassen wollen. Mein Verständnis von nachhaltigem Unternehmertum endet nicht bei einer ökologischen Energieerzeugung, es geht mir auf einer grundsätzlicheren Ebene um Partizipationsmöglichkeiten für all diejenigen, die an einer enkeltauglichen Zukunft mitwirken wollen. Was ich nicht abkann: Wenn dieser Gestaltungswille und dieses Engagement von politisch oder wirtschaftlich Mächtigen kleingehalten werden. Deswegen zielt mein unternehmerisches Handeln darauf ab, Teilhabe zu ermöglichen – ob mit naturstrom oder mit der NaturEnergy.

Das war doch ein gutes Schlusswort. Herr Banning, vielen Dank für das Gespräch!

„Mein Verständnis von nachhaltigem Unternehmertum endet nicht bei einer ökologischen Energieerzeugung, es geht mir auf einer grundsätzlicheren Ebene um Partizipationsmöglichkeiten für all diejenigen, die an einer enkeltauglichen Zukunft mitwirken wollen.“